Ziesmer-Trauma keine Belastung für deutsche Turner
Kienbaum (dpa) - Am 12. Juli jährt sich der schwere Unfall von Ronny Ziesmer zum vierten Male, doch für die deutschen Turner ist die Erinnerung an das tragische Ereignis vor den Olympischen Spielen in Athen keine Belastung mehr.
«Wir sehen Ronny noch genauso, wie wir ihn vor vier Jahren als Trainingskamerad gesehen haben. Es war ein Unfall zu viel, aber keiner kann die Zeit zurückdrängen», meint Reck- Weltmeister Fabian Hambüchen, der als eine der ganz großen deutschen Hoffnungen für die in 27 Tagen beginnenden Spiele in Peking gilt.
Der Cottbuser Ronny Ziesmer war am 12. Juli 2004 bei einem Trainingssprung im Leistungszentrum Kienbaum nach einem Doppelsalto rückwärts beim Pferdsprung mit dem Kopf auf dem Boden aufgeschlagen, hatte sich dabei einen Halswirbelbruch zugezogen und ist seit dem querschnittgelähmt. In Peking wird Ziesmer, der an der Fachhochschule Lausitz Biotechnologie studiert, als Co-Kommentar für das ZDF tätig sein. «Schon vom Krankenbett hat er uns damals in Athen angefeuert und gemailt: Jungs haut rein. Jeder von uns wusste, dass wir ihm nicht helfen können, wenn wir nur um ihn trauern», schilderte Hambüchen am Ort des Unfalls noch einmal die für alle Turner schwere Phase vor vier Jahren.
Schwer zu verkraften ist die Situation für Cheftrainer Andreas Hirsch. «Es ist und bleibt eine persönliche Katastrophe. Nie werde ich diesen 12. Juli 2004 vergessen können», meinte der 50-jährige Berliner. Wichtig sind für ihn die Konsequenzen aus dem tragischen Fall. «Ich muss alles tun, damit sich keiner so schwer verletzt. Niemand darf so viel Leistungsdruck haben, dass er sich in Gefahr begibt. Der Menschenverstand muss die Oberhand behalten», sagt Hirsch. «Für Ronny bleibt der Einschnitt riesig. Aber ich ziehe den Hut, wie er seine Lage meistert. Ich habe viele Leute gesehen, die nach so einem Unfall abgestürzt sind. Er bewältigt sein Schicksal jeden Tag», fügt der Coach hinzu.
In Athen erkämpften seine Schützlinge die damals kaum für möglich gehaltene Final-Teilnahme, in Peking soll im Beisein Ronny Ziesmers nun sogar etwas mehr herausspringen. «Wir haben mindestens drei Chancen auf Medaillen, um einen Treffer zu landen», sagt Hirsch. Selbst im Team-Wettkampf scheint Edelmetall nicht ausgeschlossen. «Wir sagen nicht: 'Wir werden', wir sagen: 'Wir wollen'. Und allein, dass wir zu dem Kreis gehören, der um Bronze hinter China und Japan streitet, ist doch etwas ganz Positives. Vor Athen hat man uns als WM-Zwölften doch gar nicht wahrgenommen, jetzt sind wir da.»
Natürlich weiß auch Hirsch, dass vieles von Hambüchen abhängt. «Ich bin prima in Form, doch Frühform ist das bestimmt nicht. Es gibt in den verbleibenden Trainingstagen viel tun, vor allem die Kraftwerte könnten noch besser werden», sagt der «Leitwolf» der Riege, der sich derzeit rund 32 Stunden wöchentlich für den Olympiasieg schindet. «Als kleines Kind habe ich von Olympia geträumt, mal bei Olympia dabei zu sein. Das habe ich mir schon in Athen erfüllt. Jetzt träume ich vom Olympiasieg», meint der 20- jährige Welt- und Europameister, der auch im Mehrkampf als Vizeweltmeister zu den aussichtsreichsten Bewerbern zählt. «Der Chinese Yang Wei schwebt aber irgendwie auf einsamer Höhe: An den Ringen nimmt er mir fast zwei Punkte ab, das kann ich am Reck kaum kompensieren. Aber er ist schon 28, da sehe ich meine Chance für 2012», meint der deutsche «Sportler des Jahres» schmunzelnd.
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