"Man muss da einfach durch"
Irinia Mikitenko ist die beste deutsche Marathonläuferin. Im April hat sie den London-Marathon in neuer deutscher Rekordzeit (2:24,14) gewonnen. Im Interview spricht die zweifache Mutter über ihren Alltag, ihre Ziele für Peking, ihre Zeit in Kasachstan und den besten Kaffee, den sie je getrunken hat.
Frau Mikitenko, wissen Sie eigentlich, dass Ihre Siegerzeit von London auch in Athen 2004 zu Gold über die Marathonstrecke gereicht hätte?
Mikitenko: Ach, die Zeit. Einen solchen Lauf kann man mit einem Rennen bei Olympischen Spielen nicht vergleichen.
Wie schnell muss man denn in Peking laufen, um vorne mit dabei zu sein?
Mikitenko: Ich glaube, es wird nicht schneller als 2:30 Stunden. Die Bedingungen dort sind sehr schwer. Es ist heiß und auch die Feuchtigkeit und die Luftverschmutzung lassen sicher keine guten Zeiten zu. Aber die Bedingungen sind für alle gleich.
Bereiten Sie sich besonders auf diese Bedingungen vor?
Mikitenko: Man kann sich nur mental vorbereiten. Man kann ja nicht nach China fahren. Wir trainieren ab und zu in der Hitze. Aber die Feuchtigkeit und den Smog kann man nicht trainieren. Ich denke einfach, dass es schwer wird, aber auch für alle gleich. Man muss da einfach durch.
Spüren Sie nach dem Sieg von London auch mehr Druck - einige sehen in Ihnen schon eine Mit-Favoritin für Olympisches Gold?
Mikitenko: Die Aufmerksamkeit ist schon größer geworden. Für mich ist aber einfach wichtig, dass ich gesund durch die Vorbereitung komme. Olympische Spiele sind nur alle vier Jahre. Ich habe dort ja schon auf anderen Strecken teilgenommen. Ich weiß, dass ich diesmal mehr möchte. Ich möchte schon etwas erreichen. Aber Druck hilft da nicht. Das einzige, was ich jetzt machen kann, ist gut trainieren.
Sie möchten etwas erreichen - also ist ihr Ziel eine Medaille?
Mikitenko: Bis zum 17. August ist mein Ziel erst einmal ganz gut trainieren. Alles andere ist nicht wichtig.
Was kommt nach den Olympischen Spielen? Geht Ihr Blick schon zur WM 2009 in Berlin?
Mikitenko: Auf jeden Fall. Darauf freue ich mich schon riesig. Weil wir dann zuhause laufen. Da kann man nicht sagen, die Bedingungen sind schlecht. Es ist das Größte eine Weltmeisterschaft zuhause zu erleben.
Sie haben erst im vergangenen Jahr, mit 35 Jahren, Ihr Debüt auf der Marathon-Distanz gegeben. War das der richtige Zeitpunkt oder haben Sie vielleicht einige erfolgreiche Jahre verschenkt?
Mikitenko: Das frage ich mich auch selbst. Aber ich sage mir dann, dass ich auf den anderen Strecken ja auch etwas erreicht habe. Vor allem habe ich dort Spaß gehabt. Aber ich würde mich freuen, wenn es jetzt noch ein paar Jahre auf der Marathonstrecke weiter so gut läuft wie bisher.
Was darf die Laufszene noch von Ihnen erwarten?
Mikitenko: Ich möchte schon noch ein bisschen schneller laufen. Ich glaube, dass die beiden Läufe in Berlin und London noch nicht das Maximum waren. Es ist noch etwas drin. Eine Zeit um die 2:22 Stunden ist möglich.
Sie haben 24 Jahre lang in Kasachstan gelebt - welche Erinnerungen haben Sie an ihre Zeit dort?
Mikitenko: Ich bin froh, dass ich dort aufgewachsen bin. Für Kinder wird dort viel im Sport gemacht. In Deutschland ist das Angebot für die Kinder im Fernsehen oder am Computer größer. Sie haben mehr Luxus. Das gab und gibt es in Kasachstan nicht. Die Kinder konzentrieren sich mehr auf den Sport. Später war es dann schwer, sich zu entwickeln. Ich bin zum richtigen Zeitpunkt gewechselt.
Was war die größte Umstellung als hierher kommen sind?
Mikitenko: Am Anfang war es schon schwer. Die Freunde waren in Kasachstan und wir konnten die Sprache nicht. Jetzt mit der Sprache ist es einfacher.
Haben Sie sich schnell zu Recht gefunden?
Mikitenko: Ja. Und alles habe ich dem Sport zu verdanken. Wir waren von Anfang sehr beschäftigt. Der Sport hat es uns leichter gemacht. Dafür bin auch dankbar.
Marathon ist sehr trainingsintensiv - wie schaffen Sie es als zweifache Mutter, Familie und Training unter einen Hut zu bekommen?
Mikitenko: Das ist schon nicht einfach. Ich brauche vier bis fünf Stunden Zeit fürs Training jeden Tag. Da muss ich viel organisieren. Aber meine Eltern und mein Mann unterstützen mich. Die Kinder kennen das nicht anders. Mein Sohn, er ist 14 Jahre alt, ist im Training mein bester Begleiter. Und die Kleine weiß Bescheid, dass Mama zwei Mal am Tag läuft.
Fällt es Ihnen auch manchmal schwer, zum Training zu gehen?
Mikitenko: Es gibt schon Tage, an denen ich mich frage, warum ich das mache. Das dauert aber meistens nur ein paar Minuten. Vor allem, wenn die Kinder krank sind. Dann fehlt mir einfach auch die Regeneration.
Womit belohnen Sie sich nach einer harten Trainingseinheit oder einem guten Marathonlauf?
Mikitenko: Ich belohne mich nur nach einem Hauptwettkampf. Das ist die Disziplin, die ich von mir selbst verlange. Wenn ich meinen Wettkampf gut gemacht habe, kann ich mich belohnen.
Womit?
Mikitenko: Kaffee. In der Marathonvorbereitung trinke ich keinen Kaffee.
Weshalb machen Sie das?
Mikitenko: Kaffee ist mein Lieblingsgetränk. Ich habe eigentlich immer zwei oder drei Mal am Tag Kaffee getrunken. Vor Berlin habe ich gedacht, wenn du auf etwas verzichtest, was du gerne jeden Tag machst, dann schaffst du es gut. Und es hat geklappt. Der Kaffee hat nach dem Marathon so gut geschmeckt. Man kann sich kaum vorstellen, dass Kaffee so gut schmecken kann. Das war der beste Kaffee, den ich je getrunken habe. Ich habe das gleiche auch vor London gemacht und mache es jetzt wieder.
Das heißt: Sie trinken bis nach dem Marathonlauf in Peking keinen Kaffee?
Mikitenko: Die ganze Vorbereitung. Drei Monate.
Freuen Sie sich schon auf die erste Tasse?
Mikitenko: Das ist genau die Sache. Einige sind im Ziel ja schon müde. Aber ich habe in Berlin und London noch beim Laufen gedacht: Jetzt bald darfst du Kaffee trinken. Und: Wenn ich schnell laufe, komme ich auch schneller zum Kaffee.
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